Das Turnier

Vom ritterlichen Turnier im Mittelalter Sprachliche Betrachtung:Das Wort „Turnier“ lässt sich zurückführen auf das altfranzösische Wort „tornoi“, was soviel heißt wie „Drehung“ oder „Wendung“. ImDeutschen taucht dieses Wort erstmals im 12. Jahrhundert auf (mhd, „turnei“, etc.) und bezeichnet zunächst das Kampfspiel sowie auch denrealen Kampf. Die heutige Bedeutung als Oberbegriff für das Ritter-Turnier hat das Wort seit Ende des 15. Jahrhundets. Bis dahin unterschied man auch im Sprachgebrauch verschiedene Formen des Turniers…Die Panzerreiter des Hochmittelalters: Neben den Fußtruppen spielten bereits in der Antike berittene Truppen eine wichtige Rolle. Sie wurden, zunächst leicht bewaffnet, als Unterstützung eingesetzt. Mit Beginn des Mittelalters trat der berittene Kämpfer immer mehr in den Vordergrund und bildete bald die wichtigste Einheit im Heer. Mit Ihr wandelte sich die Taktik zum geschlossenen Sturmangriff im Verband. Die Absicht war nun, die gegnerische Linie mit einem einzigen massiven Angriff gepanzerter Reiterei zu durchbrechen. Die Voraussetzung für den Erfolg war aber das perfekte Zusammenspiel:

– Vor dem Auftreffen musste eine möglichst enge Formation gehalten werden, um die Kräfte zu konzentrieren. Das Ziel war es, gemeinsam auf den Feind zu treffen. Einzelaktionen hätten kaum Aussicht auf Erfolg gehabt und wurden meist streng bestraft.

–Nach dem Durchbruch waren die Reiter verwundbar, da sie nun ihre Formation aufgegeben hatten. Da ein einzelner Reiter in den gegnerischen Reihen keine Chance hatte, war es nun lebenswichtig, so schnell wie möglich zu wenden und sich in der Formation neu zusammeln. Als Orientierung diente dem Einzelnen das Banner des eigenen Verbandes, welches in der Regel besonders bewacht und verteidigt wurde. Wenn das Banner „fiel“, signalisierte dies dem Reiter, dass sein Verband zerschlagen war. Er hatte nun die Anweisungsich zum nächsten Banner zu begeben, um sich dort wieder in eine Formation einzugliedern. Es war selbst dem Verwundeten untersagt, sich vom Kampf zu entfernen, solange noch ein Banner zu sehen war. Erst wenn alle Bannergefallen waren, durfte man sich selbst retten.

Diese Regularien, welche unter anderem aus den Kreuzzügen überliefert sind, zeigen, wie wichtig es für den Reiter war, ausschließlich in der Formation zu kämpfen. Das „Kampfspiel“ als Training für die Schlacht: Um dies ständig zu üben hielt man regelmäßig „Kampf-Spiele“ ab. Hier unterschied man zunächst drei Varianten:

I.) Beim „Buhurt“ wurde in zwei Mannschaften reiterliches Geschick trainiert. Bewaffnung gab es entweder keine oder hölzerne Waffen.Einen fließenden Übergang hierzu bildet das

II.) „Turnier“: Hier trainierte man den Sturmangriff im Verband. Hier wurden zwei Gruppen gebildet, welche unter schlachtähnlichen Bedingungen gegeneinander antraten. Bis zum Hochmittelalter war es auch üblich, zusätzlich Fußtruppen einzusetzen. Wie die Herkunft des Wortes schon zeigt, wird beim Turnier vor allem trainiert, sich im Verband zu bewegen und zu kämpfen. Das heißt z.B. auch nach dem Aufprall schnell zu wenden und sich neu im eignen Verband zu ordnen, um wieder anzugreifen. Die Parallelen zur Schlacht mit Panzerreitern sind hier gut zu sehen.

III.) Der „Tjost“ beschrieb das bekannte Lanzenstechen, bei welchem zwei Ritter gegeneinander antraten. Die Ritter versuchten mit stumpfen (Stechen) oder scharfen (Rennen) Lanzen den Gegner aus dem Sattel zu stoßen. Nicht selten landeten beide Kontrahenten auf dem Boden. Alternativ oder zusätzlich wurde der Zweikampf mit anderen Waffen (Schwert oder Hiebwaffen)ausgetragen. Der Kämpfer hatte hier neben der Übung vor allem die Chance, sein Können vor Zeugen unter Beweis zu stellen und sich zu präsentieren. Gegenüber dem realen Kampf wird das Turnier durch seinen friedlichen Charakter bestimmt. Es gehört nicht in den Krieg, sondern in die Zeit des Friedens und hat ein festes Reglement.

Die ritterliche Rüstkammer:

Die Bewaffnung orientierte sich zunächst an den auf dem Schlachtfeld üblichen Waffen, wie der Lanze (anfänglich einfach ein Stoßspeer),dem Schwert und diversen Hieb- und Kettenwaffen, wie dem Morgenstern, dem Streitkolben, etc. Zunächst wurden „scharfe“ Waffeneingesetzt, was eine erhebliche Anzahl von Verletzten und Toten zur Folge hatte. Vor allem die Turniergänge glichen oftmals mehr einem Gemetzel als einer Übung. Somit ging man bald dazu über, stumpfe Waffen zu verwenden – bis hin zu speziellen Turnierwaffen. Die Lanze übrigens, wie wir sie heute kennen gab es erst relativ spät. Zwar wurde die Länge von über drei Metern bald erreicht, doch fehlte noch bis ins 13. Jh. der bekannte Handschutz. Auch die Rüstung war zunächst die gleiche, wie auf dem Schlachtfeld. Der Kopf wurde geschützt durch einen Helm, welcher auch das Gesicht verdeckte und bald in der Form des Topfhelmes auf den Schultern aufsaß. Später entwickelte man spezielle Turnierhelme, welche mit dem Brustharnisch fest verschraubt waren. Den Rumpf schützte man durch Wattiertes, Kettenpanzer, oder Schuppenpanzer. Bei der späteren Plattenrüstung begann man schnell zwischen Turnierrüstung und Schlachtrüstung zu unterscheiden. Im Turnier (vor allem dem Tjost) musste der Kämpfer nicht so beweglich sein. Er konnte bei der Wahl der Rüstung (buchstäblich) mehr Gewicht auf die Panzerung speziell gegen Lanzenstiche legen. Es entstanden hier mit der Zeit wahre Meisterstücke, welche die gegnerische Lanze perfekt abgleitenließen. Somit ging die hauptsächliche Gefahr nicht mehr vom Gegner aus, sondern von der Hitze und einem evtl. Sturz vom Pferd. – Wir alle kennen aus dem Spätmittelalter das Bild vom Ritter in voller Gestechrüstung, welcher sich per Flaschenzug aufs Pferd hiefen ließ…Das Pferd hat natürlich auch einige Veränderungen durchgemacht. Das mittelalterliche Schlachtroß musste für die Schlacht trainiert werden: Es durfte nicht scheuen und etwa durch zu lautes Schlachtgetümmel in Panik geraten. Mit der Weiterentwicklung der Rüstung wurde das Pferd geradezu ein Lastentier, ohne dass die Schnelligkeit darunter leiden durfte. Je schwerer der Ritter gerüstet war, desto hilfloser war er, wenn er zu Boden ging. Dementsprechend wurde Wert auf die Dressur gelegt, damit das Pferd in jeder Situation die Ruhe bewahrte. Um das Pferd zu schützen entwarf man mit der Zeit Plattenrüstungen, welche zumindest Kopf und Hals – oftmals auch teile des Rumpfes – schützten.

Stellung der Kirche zum Turnier:

Die Kirche stand dem Turnier bald recht ablehnend gegenüber und versuchte seit ca. 1070 durch Verbote und div. Strafandrohungen(Exkommunikation) immer wieder diesen „Sport“ zu verhindern. Zum einen liegt es nahe, den Grund in den vielen Todesfällen zu suchen. Ein weiterer Grund könnte jedoch die prinzipielle Abneigung der Kirche gegen die Lebensart der Ritter sein. Die ritterlichen Tugenden waren in den Augen der Kirche Sünden, da sie zum sündhaften Lebenverleiteten. Das Turnier war jedoch das Feld, auf dem diese ritterliche Lebensweise exzessiv zur Geltung kam und nach den Vorwürfen der Kirche   ausschließlich   der   Selbstverherrlichung   diente.   Dies   mochte   im   biblischen   Sinne   zu   verurteilen   sein,   doch   für   den(hoch)mittelalterlichen Menschen war dies nicht der einzige Grund: Der Humanismus hat erst im 14. Jahrhundert allmählich Einzug in die Köpfe der Menschen genommen. Bis dahin traf wohl jede Form der Selbstdarstellung auf Unverständnis oder gar Ablehnung (außer in der Form der Herrschaftsausübung natürlich). Das einzige Positive am Turnier sah die Kirche in der Übung, da der Ritter auch Verteidiger des Glaubens war.

Das Turnier als höfisches Fest:

Noch im 11. Jahrhundert berichten die Quellen recht selten von Reiter- oder Kampfspielen. Seit der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts nimmt dies stark zu. Ein Wendepunkt scheint hier der Mainzer Hoftag (1184) zu sein: Der Mittelpunkt des Festes war die Schwertleite von König Heinrich und Herzog von Schwaben, was dem Fest einen ritterlichen Schwerpunkt gab. Dementsprechend wurde ein zwei Tage dauerndes Reiterspiel   abgehalten,  welches   an   ein   Buhurt   erinnert.   Des weiteren   sollte   ein   Turnier   abgehalten  werden,   welches   lediglich   ausWitterungsgründen ausgesetzt wurde. Doch die Wirkung muss enorm gewesen sein, denn zum ersten Mal wurde ein Turnier vom Kaiserselbst geplant. Als Folge nimmt das Turnier sehr bald Einzug an die Königs- und Fürstenhöfe und wird auf diese Weise prägender Teil der höfischen Feste. In diesem Atemzug beginnt auch die Dame am Hof beim Turnier eine wichtige Rolle zu spielen. Das Turnier ist nun der Schauplatz, an welchem der Ritter sein Können unter Beweis stellen und vor allem Ruhm ernten kann. Somit wird das Turnier zu einem der wichtigste Prestige-Ereignisse im Leben des Ritters. Im Spätmittelalter, mit dem Aufkommen der Schusswaffen (Langbogen & Pulverwaffen) wird der Ritter als Einheit in der Schlacht immer mehr in Frage gestellt. In dieser Zeit wird das Turnier die einzige und letzte Möglichkeit, die Ritterlichkeit zu zeigen – und auch zu legitimieren. Das Turnier (in dieser Zeit bereits als Oberbegriff zu verstehen) wird somit zur ‚Ersatzschlacht‘, was sich auch an der Entwicklung der Rüstung zeigt: Der schwer gepanzerte Reiter, den wir aus den Romanen und Filmen kennen, stammt aus dieser Zeit. Die Rüstungen waren perfekt auf das Tjosten (welches im Spätmittelalter dominierte) abgestimmt und bald für die „normale“ Schlacht unbrauchbar. Des weiteren wird das Turnier mehr und mehr eine Abgrenzungsmöglichkeit zum neuen Adel durch Diplom (seit Karl IV.). Durch die Gründung von Turniergesellschaften (14. Jh.) wird festgelegt, wer zur Teilnahme am Turnier berechtigt war: Die Ritterbürtigkeit musste bis in die vierte Generation nachgewiesen werden – somit entstand der neue Begriff des Turnieradels

Universität Mannheim

Wintersemester 2003/2004Übung: Raubritter oder Edelrecken? –

Das Rittertum im MittelalterDozentin: Dr. S. von Heusinger

Referent: Christian Bott

Bereitgestellt auf www.MaBib.de

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